Carsharing-Radar 38|2015: Carsharing beliebt wie nie zuvor

+++ Carsharing immer beliebter – Zahlen steigen +++ Wer sind die Menschen, die Carsharing nutzen? +++ Nutzt oder schadet Carsharing dem Öffentlichen Nahverkehr? +++ International: Carsharing für Moskau +++

Die aktuellen Carsharing-News aus dem In- und Ausland im Detail

Carsharing immer beliebter – Zahlen steigen

Die Verantwortung für das eigene Auto ist hoch. Finanziell und technisch muss alles stimmen, Freude kommt im täglichen Pendelstress eigentlich kaum noch auf. In großen Städten wird Carsharing daher immer beliebter. Die Fixkosten für das eigene Auto entfallen. Das frei gewordene Budget kann der hippe Großstädter flexibel in zwanghaft steigende Wohnungsmieten, Smartphones oder Lebensfreude investieren. Der Bundesverband Carsharing meldet weiter fleißig wachsende Mitgliederzahlen bei den Anbietern. Anfang 2015 sei das einmillionste Mitglied begrüßt worden. Das entspräche einem Wachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 37,4 Prozent. Demnach würden rund 1,5% aller deutschen Führerscheininhaber regelmäßig auf Carsharing zurückgreifen. Dabei spielt es keine Rolle, welche Art – ob stationär oder „Freefloating“ genutzt wird. In 490 Kommunen gebe es bereits ein Carsharing-Angebot, weitere werden folgen.

Wie ticken die Menschen, die Autos teilen?

CiteeCar – der nach eigenen Aussagen günstigste Carsharinganbieter am Markt – befragte rund 1.000 seiner Kunden nach ihren Vorlieben, Verhalten und Werten. Dabei ergaben sich interessante Einsichten in die Generation Smartphone. Ulkigerweise seien demnach traditionelle und moderne Werte gleichermaßen gefragt. Liebe, Familie, Partnerschaft und Freundschaft stünden über einer beruflich steilen Karriere und entsprechendem Gehalt. Die Nutzer von Carsharing sagen Ja zu Umweltschutz und interessieren sich nicht für Statussymbole oder Shopping. Obwohl für viele Nutzer das Reisen ganz hoch in der Gunst steht, ist das Auto nur bei einem Drittel der Befragten ein Symbol der Freiheit. Für gut 80% stellt dagegen das Internet das wichtigste Medium dar. Speziell soziale Medien werden von einem Großteil genutzt, allen voran Facebook. Interessant auch die Frage nach Ernährung und Gesundheit. Der Befragung von CiteeCar nach ernähren sich knapp ein Drittel vegetarisch oder vegan – das seien doppelt so viele wie der bundesdeutsche Durchschnitt, ermittelte motor-traffic.de. Für mehr als die Hälfte der Befragten sei außerdem nicht Carsharing das Fortbewegungsmittel Nummer 1 - stattdessen greifen die meisten auf den Öffentlichen Nahverkehr oder das Fahrrad zurück. Das zeigt, wie sehr sich moderne Großstädter von der Idee des eigenen Auto entfernen. 91% der CiteeCar-Nutzer verzichteten lieber auf ihr Auto statt auf ihr Smartphone. Das Auto wird als Transportmittel immer mehr Mittel zum Zweck statt Ausdruck eines Lebensstils – zumindest in großen Städten. Auf dem Land und in urbanisierten Vororten kann diese Einstellung schon wieder völlig anders aussehen. Hier sind viele Pendler durch lange Arbeitswege und schlechte Anbindungen im Öffentlichen Nahverkehr fast zum eigenen Auto gezwungen.

Nutzt oder schadet Carsharing dem Öffentlichen Nahverkehr?

Der Nachhaltigkeitsrat will in Studien herausgefunden haben, dass Carsharing dem Öffentlichen Nahverkehr in geringen Mengen Kunden koste. Eine Kannibalisierung findet daher nur in kleinen Dimensionen statt – Aufgrund der rasanten Entwicklung rückt gerade das Freefloating-Carsharing wie es DriveNow oder car2go betrieben immer öfter in den öffentlichen Blickpunkt. Zwar habe insbesondere dieses Modell im letzten Jahr ein nie da gewesenes Wachstum hingelegt, doch seien die Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Robert Vollmer, Bereichsleiter für Verkehrs- und Regionalforschung am Institut für angewandte Sozialwissenschaft, untersucht das Verhalten von Freefloating-Carsharing. Und zwar komme er zu dem Schluss, dass sich hinter der großen Anzahl Registrierter deutlich niedrigere echte Nutzer verbergen – nur 40% der Angemeldeten würde Carsharing überhaupt nutzen. Demnach sind gut 600.000 Menschen zwar für Carsharing registriert, keiner von ihnen ist aber auch nur einen Meter gefahren. Zudem würden aktive Nutzer bei mehreren Anbietern gleichzeitig angemeldet sein und tauchten so in der Statistik doppelt (oder noch öfter, Anm.d.Red.) auf. Außerdem gebe es dem Artikel des Nachhaltigkeitsrates nach Hinweise aus Studien, nach denen Freefloating-Carsharing dem Öffentlichen Nahverkehr Kunden wegnehme. Der Grund liegt in der sogenannten „Bequemlichkeitsmobilität. Hartmut Krietemeyer, stellvertretender Bereichsleiter Marketing/Tarif beim Münchner Verkehrs- und Tarifverbund MVV sagt dazu: "Sämtliche uns vorliegenden aktuellen Forschungsergebnisse deuten darauf, hin, dass das Free-Floating-Carsharing – im Unterschied zur klassischen, stationsbasierten Variante – netto für Fahrtenverluste beim ÖPNV verantwortlich ist." Im Jahresbericht es MVV geht Krietemeyer langfristig von bis zu 10 Millionen Euro Verlust durch Freefloating Carsharingangeboten aus. Als Beispiel nennt er Amsterdam. Hier nutzen car2go-Kunden den ÖPNV 62% weniger als vor der Einführung des Carsharings. Dennoch muss man diese Zahlen in Relation zum Gesamtumsatz der Verkehrsbetriebe setzen. Nicht jeder Carsharing-Nutzer war außerdem vorher ÖPNV-Fahrer. So betrachtet könne Carsharing höchstens für 1% Umsatzverlust bei den Öffentlichen verantwortlich gemacht werden. Eines schafft Carsharing, was der Öffentliche Nahverkehr nie erreichen kann: Die Menschen wie ein Taxi von einem ihm selbst überlassenen Startpunkt zum frei wählbaren Ziel (innerhalb des Geschäftsgebietes) zu bringen. Das hat mit Bequemlichkeit nichts zu tun sondern mit der freien Wahl, ein alternatives Verkehrsmittel zu wählen.

International: Carsharing für Moskau

Der Berufsverkehr von Moskau kollabiert regelmäßig. Die Straßen verstopfen, es kommt zu Smogalarmen. Ausgerechnet in diese heikle Verkehrssituation will ein neues Carsharing-Unternehmen für Ordnung sorgen. Seit einigen Tagen stehen den Moskauer Bürgern rund 100 Autos zur freien Miete zur Verfügung. Diese Flotte soll schon bald auf 500 Autos wachsen, langfristig seien nach Informationen der Schweizer Handelszeitung sogar bis zu 100.000 Autos in Planung. Das Moskauer Carsharing soll 8,90 Rubel (12 Euro Cent) in der Minute kosten. Das sei günstiger als ein Taxi und kann den Bürgern der von Staus geplagten Hauptstadt Russlands zu mehr Mobilität verhalfen.

 

Jeden Tag erreichen uns neue Meldungen von Carsharing-Projekten aus der ganzen Welt. Nicht nur Firmen und Start-ups mit dem Schwerpunkt Mobilität, auch Städte, Gemeinden und Privatpersonen stellen Fahrzeuge zum Teilen bereit. Mit dem Carsharing-Radar berichten wir regelmäßig über aktuelle Meldungen der Carsharing-Dienste und die neuen Projekte im In- und Ausland.

Euch ist ein neuer Carsharing-Anbieter aufgefallen, über den wir noch nicht berichtet haben oder ihr seid selbst Gründer eines Carsharing-Angebots? Mailt uns einfach eure News und Informationen an carsharingradar@mietwagen-news.de. Wir nehmen eure Meldungen gerne in unser Carsharing-Radar mit auf.

Bild: DriveNow

 

 

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